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Ela: "Stefan, das VNV Nation Master ist heute fünf Wochen vor dem vereinbarten Abgabetermin per Overnight gekommen, sollen wir das sofort zum Presswerk schicken?" Stefan (stellt das Champagnerglas ab): "Nein, leg das Ding auf den Haufen "unbearbeitet", ich habe heute schon über eine halbe Stunde Fanmails in den Papierkorb verschoben, das ermüdet mich so. Je mehr die Zecken sich beschweren, desto später liefern wir ab. Werden schon sehen was die davon haben..." Ela: (rollt die Augen): "Stimmt, das Cabrio hast du auch schon lange nicht mehr ausgefahren, also nimm dir doch für den Rest des Tages frei, ist schließlich schon halb Drei. Ausserdem haben wir alle schon seit über zwei Wochen keinen Urlaub mehr gehabt. Fans..." (schüttelt den Kopf, legt den Umschlag in eine grosse graue Kiste mit zahllosen anderen, geht ab...). Telefon klingelt. Stefan: (genervt) "Nicht schon wieder, das ist schon der zweite Anruf innerhalb weniger Stunden."(hebt Hörer ab) "Wer stört? Ach Hallo, Vertriebsmensch! Was, alle unsere CDs ausverkauft? Nächster Vertriebsscheck ist nur eine halbe Million? Wie, wir können keine CDs verkaufen, wenn wir sie nie nachpressen? Na gut, sag den Läden sie bekommen ihre CDs, aber Sie sollen die auf keinen Fall unter 19,00 € verkaufen. Der Kunde soll bluten, so ein Firmen-Swimmingpool finanziert sich schließlich nicht von alleine. VNV Nation Master? Nein, ist noch nicht angekommen! Veröffentlichungstermin ist schon nächste Woche? Ist mir doch egal, die Leute reissen uns das Ding doch eh' aus der Hand. Ausserdem kann ich nicht hexen. Der neue Veröffentlichungstermin ist ... (dreht sich mit dem Chefsessel zur Wand an dem ein riesiger Kalender hängt, mit vielen durchgestrichenen Notizen und roten Kreuzen, schließt die Augen und lässt eine Hand gegen den Uhrzeigersinn kreisen, tippt dann mit dem Zeigefinger auf eine beliebige Zahl) ... 13. Oktober!" "Wie, das ist ein Sonntag?" (wiederholt den Vorgang) "Na gut, dann 06. Juni. Klar sollen die Fans warten, Weihnachten ist auch nicht jede Woche! Ich mach' jetzt Schluss für heute, der Golfplatz wartet." (legt auf) Ruft in das angrenzende Vorzimmer: "Heike, ich fahr jetzt nach Hause, bitte such doch mal unter den unten wartenden Dependent-Groupies die zwei, drei mit den besten Möpsen aus und sage ihnen, der Chauffeur holt sie in wenigen Minuten ab. Sieh zu dass sie sich bis Montag nix vornehmen. Ich bin jetzt im Wochenende. Bin für Niemanden zu sprechen, für unsere Musiker schon mal gar nicht." ------------------------------ So oder so ähnlich stellen sich die Meisten wohl den Alltag in der Schallplattenbranche vor. Die Wahrheit sieht aber derzeit etwas anders aus: "Branche brechen 12,6 Prozent Umsatz weg" "Musikgeschäft noch tiefer in der Krise ... für Juli und September rechnen die Plattenfirmen dem Vernehmen nach mit einem Umsatzrückgang in der Grössenordnung von über 20% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum." "Tonträgerfirmen sagen CD-Brennerei den Kampf an" "Deutsche wollen für CD Downloads nicht zahlen ... Nur ein Viertel der Befragten würde eine Pro-Song-Gebühr akzeptieren." Alles Zitate aus Artikeln des Branchenmagazines "Musikwoche" im Jahr 2001 Keine Frage, die gesamte deutsche Musikindustrie befindet sich in einer Krise, wohlgemerkt in der bisher grössten seit ihrer Existenz. Verursacht durch Raubkopien von Musik-CDs wie auch den Download von Mp3-Files über halblegale bis illegale File-Sharing-Dienste wie Napster, Audiogalaxy oder Gnutella sackten die Umsätze in den Keller. Diese Krise betrifft sämtliche Sparten und Bereiche des Musikmarktes, Dance, Hip-Hop, Mainstream, Alternative und natürlich den gesamten Independentbereich also auch Firmen wie Dependent, Bloodline oder Out Of Line. Dieser Artikel soll sich mit den Folgen der Raubkopiererei, insbesondere im Independentmarkt, beschäftigen und auch den häufigsten Argumenten der Raubkopierer begegnen. Dabei erfahrt Ihr auch einige vertrauliche Interna über den Musikmarkt und vielleicht überdenken Einige mal ihre Haltung zu Schallplattenlabels: 1. "Schallplattenfirmen? Da geht es doch nur ums Geld!" Ja und nein. Ich glaube, dass am Anfang einer jeden Gründung einer Schallplattenfirma ein gehöriger Idealismus und die Liebe zur Musik steht. Man hat selbst die Möglichkeit, Musikgruppen, die man persönlich für gut hält, zum Erfolg zu verhelfen, und sie einem riesigen Publikum vorzustellen. Und wenn man das gut macht, kann man auch gut davon leben. Hört sich doch toll an! Aber jeder, der in Deutschland eine Firma aufmacht, wird sich schnell mit Vokabeln auseinandersetzen müssen, die mit Musik nicht wirklich viel zu tun haben: "Gewerbeanmeldung", "Quartalsumsätze", "Retourenrückstellung" oder auch "Steuerberater" und "Umsatzsteuervoranmeldung". Auch wenn man es nicht wahrhaben möchte, der finanzielle Teil gehört nicht nur zum Alltag einer Plattenfirma, sondern auch zu dem einer jeden professionell arbeitenden Musikgruppe. Keiner von uns kann von Backsteinen leben, und wer seine Firma betreibt, ohne auf das Einkommen zu achten, wird in kürzester Zeit weder seine Musikgruppen noch sich selbst bezahlen können und dann hat der Traum eines Schallplattenlabels recht schnell ein Ende - mit sehr unangenehmen Nachwirkungen in Form von Gerichtsvollziehern, Pfändungen und eidesstattlichen Versicherungen übrigens. Also, geht es nur ums Geld? "Ja und Nein" ist die Antwort. Ich glaube, es macht den Unterschied, ob man bereit ist, für Geld die Natur der Musik, die man veröffentlicht, bewusst zu verändern und die Musiker zwingt, ihre Musik dementsprechend zu verändern. Das ist in der Tat bei vielen Schallplattenfirmen der Fall, denn dort werden die A&Rs ("Artist & Repertoire-Manager") und die Produktmanager nicht an der Qualität ihrer Veröffentlichungen gemessen, sondern nur an deren Verkaufszahlen. Gerade deswegen entscheiden sich immer mehr Käufer zum Kauf bei Independentlabels. Dort ist man eher bereit, auch ungewöhnliche und neuartige Musik zu veröffentlichen, obwohl auch dieses bei der derzeitigen Situation stark nachgelassen hat. 2. "CDs sind einfach zu teuer." Hier habe ich eine persönliche und eine professionelle Meinung. Ja, jede CD, die derzeit mehr als 15 Euro, bzw. 30 DM kostet, ist meines Erachtens zu teuer. Viele Käufer wissen nur, dass eine CD in der Herstellung mittlerweile schon unter 50 Cent kosten kann, warum soll man dafür 17-18 Euro zahlen? Vom professionellen Standpunkt aus kann aber auch gesagt werden, dass es für eine Schallplattenfirma sehr schwierig ist, den Preis einer CD zu verändern. Dafür muss man erst mal wissen, wie sich so eine CD in der Herstellung kalkuliert, denn die reinen Herstellungskosten sind natürlich nicht die einzigen Kosten. Begleiten wir also mal eine CD von der Herstellung bis zum Verkauf:
Wer gut aufgepasst hat, kann also mittlerweile mitbekommen, dass das Schallplattenlabel an sich auch nur eine Spanne von 3,25 Euro hat, und da ist die ganze Bewerbung von so einer CD mit Anzeigen, kostenlosen Promo-Exemplaren, Büro & Löhnen mit drin. Wenn sich so eine CD nicht verkauft, verdienen alle wenig (Vertrieb, Handel und Künstler), nur das Label, welches die ganze Veröffentlichung finanziert, kann damit sogar noch Geld verlieren. Also trägt das Label als einziges Glied in dieser Kette sogar noch ein erhebliches Risiko. Wer jetzt also kritisiert, dass CDs generell zu teuer sind, soll erst mal hier vorschlagen, wo denn die Plattenlabel hier überhaupt sparen sollen, aber immer daran denken, dass man die meisten vernünftig vertriebenen CDs innerhalb von Deutschland binnen 48 Stunden fast überall nachbestellen kann. Auch das ist ein Service, den der Kunde aber scheinbar kaum honoriert, er ist quasi Gewöhnungssache geworden. Ebenfalls werden sehr oft die CD-Preise mit den damaligen Vinyl-Schallplattenpreisen verglichen, und es wird den Plattenfirmen vorgeworfen, sie verdienten daran generell eine goldene Nase. Dabei wird aber kaum beachtet, dass die CDs seit ihrer Markteinführung 1981 extrem preisstabil geblieben sind, im Gegensatz zu Lebensmittel- Kino- oder Benzinpreisen, um mal die eklatantesten Preissprünge zu nennen. Auch die Preise für Konzerttickets oder Merchandiseartikel sind explodiert. Kritisiert werden aber nur die Preise für ein Produkt, welches seit Jahren fast total stabil geblieben ist, und kritisiert werden vornehmlich die Plattenfirmen, obwohl die Preiserhöhungen die stattgefunden haben, hauptsächlich aus dem Handel kommen. Ebenfalls gibt es das Argument, dass CDs eigentlich zu teuer seien, eigentlich erst seit Einführung der CD-Brenner, die ja eine nahezu kostenlose Alternative zum legalen Erwerb einer CD darstellen. Auch hier liegt der Verdacht nahe, dass das Argument mit den zu teuren CD-Preisen eigentlich nur vorgeschoben wird, um weiterhin Geld zu sparen. Die eigentliche Frage sollte doch sein: Hat eine wirklich gute CD den Preis von 15 (oder auch 20) Euro als Gegenwert denn wirklich verdient? Es denke jetzt bitte jeder mal an seine persönlichen Lieblings - CDs, und wie viel Wert diese CDs für jemanden persönlich haben. Nun hat ja nicht wirklich jede einzelne CD diese Qualität, es gibt eine Menge schlechter Veröffentlichungen auf dem Markt. Und auch ich bin zigmal mit "Blindkäufen" von CDs in die Scheiße getreten, habe aber andererseits dadurch auch einige der schönsten Überraschungen gehabt... Zweiter Teil befindet sich hier. |
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