ORF.at: Was bezwecken Sie mit "Amazon Noir"?
Bernhard: Uns interessiert es, in globalen, massenmedialen Netzwerken Kommunikationsexperimente zu fahren. Wir sehen "Amazon Noir" in der Tradition des digitalen Aktionismus. Daneben war es natürlich eine technische Herausforderung die Software-Roboter -wir nennen sie "suckers" - zu konzipieren und zu implementieren. Das hat sich als machbar herausgestellt.
ORF.at: Wie lange brauchen Sie, um mit Ihrer Software ein komplettes Buch über das "Search Inside the Book"-System herunterzuladen?
Bernhard: Zwischen vier und 24 Stunden. Dazu sind fünf- bis sechstausend Requests notwendig.
ORF.at: Wie viele virtuelle Bücher haben Sie bereits heruntergeladen?
Bernhard: Bis jetzt ungefähr 30. Bei der Veröffentlichung des Projekts sollen es rund 120 sein. Danach kann jeder Bücher anfordern. Wir werden aber voraussichtlich auch Top-5-Listen anbieten, etwa von Prominenten.
ORF.at: Die Resonanz der globalen Netzwerke auf Ihre Kommunikationsexperimente sind zentrale Bestandteile ihrer Aktionen. Hat Amazon.com schon reagiert?
Bernhard: Noch nicht, wir sind erst in der Testphase. Ich habe aber heute Nacht von Amazon geträumt: Dass sie uns fertigmachen und zwar mit den perversesten juristischen Tricks. Dass sie uns von hinten und vorne mit Klagen so zuschütten, dass wir am Schluss wie ans Kreuz genagelt, immobil, nichts mehr tun können.
ORF.at: Könnte das Realität werden?
Bernhard: Eine Taktik, die wir im Umgang mit solchen Monstern wie Amazon.com gelernt haben, ist, alles auf uns zukommen zu lassen.
ORF.at: Amazon ist nicht der erste Internet-Riese, mit dem Sie sich anlegen. Im Rahmen ihrer Aktion "Google Will Eat Itself" kaufen Sie Google-Aktien. Das Geld dafür verdienen Sie mit fingierten Klicks über das Google-Adsense-Programm auf eigens dafür angelegten Websites. Was sagt Google dazu?
Bernhard: Vor kurzem haben wir einen Brief von der Rechtsabteilung von Google in Hamburg bekommen, in dem wir freundlich darauf hingewiesen werden, dass es illegal ist, was wir machen. Sie haben aber auch geschrieben, dass sie verstehen, dass unser Projekt Kunst ist, es aber trotzdem nicht geht.
ORF.at: Auf Ihrer Website spielen Sie "Psychotropic Drug Karaoke" und listen Anti-Depressiva auf, die Sie einnehmen. Macht Medienkunst kaputt?
Bernhard: Ja. Die 90er Jahre waren eine radikale Zeit, in der ich durch meine Beschäftigung mit Internet-Technologie, Drogen und Massenmedien Grenzen berührt und auch überschritten habe. Ich war wahnsinnig und unkontrollierbar.
Die Frage, ob globale Netze jemanden psychisch krank machen können und - wenn ja, ob psychisch Kranke auch das Netz krank machen können, war für mich damals zentral. Das Gehirn und das Netz sind ja ähnliche Organismen. Diese Wechselwirkung hat mich interessiert. Beantworten konnte ich diese Frage jedoch nicht.